Potenzialanalyse

Die Frage ist nicht ob.
Sie ist: welcher Prozess zuerst.

Ein praktischer Selbst-Check: woran man automatisierbare Abläufe erkennt, wie man priorisiert und welche Prozesse man besser in Ruhe lässt.

Juni 2026 · 11 Min. Lesedauer · Timo Radecke, Inhaber Ventas AI
Kennzahlen und Notizen auf dem Tisch - die Suche nach dem ersten Automatisierungskandidaten

Die meisten Betriebe scheitern nicht an der Technik, sondern an der Auswahl. Sie wissen, dass sich etwas automatisieren ließe, aber nicht, was zuerst. Und so passiert oft gar nichts.

Dabei ist das Erkennen der richtigen Kandidaten kein Hexenwerk und braucht kein teures Audit. Es braucht ein paar einfache Merkmale, an denen man jeden Ablauf im eigenen Haus durchgehen kann. Wer diese Merkmale kennt, sieht die Kandidaten plötzlich überall.

Dieser Text gibt Ihnen den Selbst-Check an die Hand. Am Ende haben Sie eine Liste mit Prozessen, sortiert nach dem, was sich am schnellsten lohnt. Was so ein Prozess grundsätzlich ist, klärt der Grundlagen-Beitrag.

~50 %

aller bezahlten Tätigkeiten sind mit heutiger Technik grundsätzlich automatisierbar
McKinsey Global Institute

6 v. 10

Berufen haben mindestens 30 % automatisierbare Tätigkeiten
McKinsey Global Institute

Das Potenzial ist groß. Die Kunst ist, den einen Prozess zu finden, der sich für Sie zuerst lohnt.

Die vier Merkmale eines automatisierbaren Prozesses

Je mehr dieser vier Punkte auf einen Ablauf zutreffen, desto eher lohnt er sich:

01

Wiederholung. Der Prozess läuft regelmäßig, im Idealfall täglich oder mehrmals täglich. Was nur ein paarmal im Jahr vorkommt, lohnt die Einrichtung selten.

02

Regelbarkeit. Es gibt eine nachvollziehbare Logik dahinter, auch wenn sie Ausnahmen kennt. Reine Bauchentscheidungen lassen sich nicht abbilden.

03

Daten oder Dokumente. Der Prozess arbeitet mit Informationen, die digital vorliegen oder vorliegen könnten: Mails, PDFs, Formulare, Einträge in einem System.

04

Klarer Auslöser. Es gibt ein eindeutiges Ereignis, das den Prozess startet: eine eingehende Mail, ein neuer Eintrag, ein bestimmter Zeitpunkt.

Vier Treffer: idealer Kandidat. Drei: meist machbar. Zwei oder weniger: vorerst die Finger davon lassen.

Team bespricht Abläufe am Whiteboard - Priorisierung von Automatisierungskandidaten

Die ehrlichste Analyse beginnt mit der Frage, welche Tätigkeit das Team am meisten nervt

Der schnelle Selbst-Check

Stellen Sie sich für jede Abteilung drei Fragen. Erstens: Welche Tätigkeit beschwert sich das Team am häufigsten darüber, dass sie stumpf und wiederkehrend ist? Zweitens: Wo bleibt regelmäßig etwas liegen, weil niemand dazu kommt? Drittens: Welche Aufgabe würde eine neue Aushilfe als Erstes übernehmen, weil sie keine Erfahrung braucht?

Die Antworten zeigen erstaunlich zuverlässig auf die richtigen Stellen. Was das Team nervt, ist meist repetitiv. Was liegen bleibt, hat ein Latenzproblem, das eine Maschine löst, weil sie nicht wartet. Und was eine Aushilfe ohne Vorwissen erledigen kann, folgt klaren Regeln - genau das Material, aus dem gute Automatisierungen entstehen.

Typische Kandidaten nach Abteilung

In der Buchhaltung sind es fast immer Eingangsrechnungen, Mahnläufe und das Abgleichen von Zahlungen. Im Vertrieb das Qualifizieren von Anfragen, das Nachfassen und die Pflege des CRM. Im Office die Terminkoordination, das Sortieren des Posteingangs und die immer gleichen Standardantworten. Im Support das Einordnen von Tickets und das Beantworten wiederkehrender Fragen.

Ein besonders dankbarer Kandidat ist das Dokumentenmanagement, weil dort Volumen, Wiederholung und klare Regeln zusammenkommen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt unser Bericht zur automatischen Dokumentenverarbeitung in einer Kanzlei.

Wie man priorisiert

Wenn die Liste steht, sortiert man nach zwei Achsen: Wie viel Wirkung bringt die Automatisierung, und wie viel Aufwand kostet sie? Der erste Prozess sollte oben rechts liegen - viel Wirkung, wenig Aufwand. Solche Quick Wins schaffen Vertrauen und finanzieren oft schon das nächste Projekt.

Was man vermeidet, ist der Reiz des Komplizierten. Der spannendste, technisch anspruchsvollste Prozess ist fast nie der richtige Anfang. Er bindet Zeit, das Ergebnis ist unsicher, und wenn er kippt, ist die Lust auf weitere Schritte weg. Was sich am schnellsten rechnet, steht im Beitrag zu den Kosten und dem ROI.

Prozesse, die (noch) nicht taugen

Manche Abläufe wehren sich gegen Automatisierung, und das ist in Ordnung. Verhandlungen, in denen jeder Fall anders liegt. Entscheidungen, die Erfahrung und Fingerspitzengefühl verlangen. Prozesse, die so selten vorkommen, dass sich der Aufwand nie einspielt. Und alles, was gerade ohnehin umgebaut wird. Diese Fälle erkennt man früh und spart sich die Enttäuschung, etwas Teures gebaut zu haben, das nie richtig läuft.

Vom Kandidaten zum Projekt

Steht der erste Kandidat fest, geht es ans Beschreiben. Nicht das Schöngerechnete, sondern der echte Ablauf mit allen Ausnahmen: Was passiert im Normalfall, und was bei jeder Abweichung, die einem einfällt? Diese Beschreibung ist die halbe Miete. Am besten macht sie die Person, die den Prozess heute erledigt, denn sie kennt die Sonderfälle, die in keinem Handbuch stehen.

Häufige Fragen

Was bei der Analyse oft gefragt wird

Gehen Sie die Abläufe durch, die sich oft wiederholen, festen Regeln folgen, mit Daten oder Dokumenten arbeiten und einen klaren Auslöser haben. Wo alle vier Merkmale zusammenkommen, liegt fast immer ein guter Kandidat. Eine Stunde ehrliches Nachdenken bringt mehr als jedes Tool.
Nein, im Gegenteil. Man fängt mit einem einzigen Prozess an, am besten einem mit hohem Nutzen und niedrigem Aufwand. Funktioniert er, kommt der nächste dazu. Wer alles gleichzeitig umbaut, riskiert, dass das ganze Vorhaben kippt.
Sonderfälle sind normal und kein Ausschlusskriterium. Eine gute Automatisierung erledigt den eindeutigen Großteil selbst und leitet die Ausnahmen an einen Menschen weiter. Wichtig ist nur, dass der Normalfall klar genug ist.
Am besten die Person, die ihn heute macht. Sie kennt die Ausnahmen, die in keinem Handbuch stehen. Im Erstgespräch gehen wir den Ablauf gemeinsam durch und halten ihn so fest, dass er sich bauen lässt.
Eine erste Einschätzung ist in einem 30-minütigen Gespräch möglich. Die genaue Beschreibung eines konkreten Prozesses dauert je nach Komplexität ein bis zwei weitere Termine.

Die Potenzialanalyse ist der erste Schritt. Wie es danach weitergeht, steht im Überblick zur KI-Prozessautomatisierung.

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